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Boris Becker, Julian Assange und Navalny

Von Peter Haisenko 

Boris Becker sitzt seit drei Tagen im Londoner Wandsworth Prison ein. Julian Assange ist seit zehn Jahren seiner Freiheit beraubt. Navalny sitzt seine Strafe in Sibirien ab. Während Assange medial totgeschwiegen wird, überschlagen sich die Medien mit tränenrührenden Berichten über Beckers schlimmes Schicksal.

Man hat seit drei Tagen nichts mehr von Becker gehört, weiß ntv zu berichten. Die Horrorgeschichten über die angeblichen Zustände in dem Gefängnis reißen nicht ab. Für seine Ex Lilly hat Becker all das "einfach nicht verdient“. Nun, das Gericht in London ist da offensichtlich anderer Meinung und niemand wird anführen wollen, die Londoner Gerichtsbarkeit würde nicht rechtsstaatlichen Prinzipien folgen. Natürlich kann ihm zugute gehalten werden, dass ihn seine „Berater“ in diese schlimme Situation gebracht haben. Das aber ist seit vielen Jahren zu beobachten und ein erwachsener Mensch ist nunmal selbst verantwortlich für sein Leben. Vor Gott und Gericht sind alle gleich, heißt es, und so sollte es auch keinen „Promibonus“ für Becker geben. Was also soll das Geheule?

Becker kann oder will keine Meldungen aus dem Londoner Gefängnis abgeben. Er hat zwar einen Fernseher und ein Telefon in der Zelle, darf aber nur fünf Minuten pro Tag telefonieren. Zum Internet hat er keinen Zugang. Ist das grausam? Vergleicht man das mit den Haftumständen Navalnys in Sibirien, ist das grausam. Erinnern wir uns: Direkt nach der Einlieferung und fortdauernd konnte Navalny seine Botschaften aus der Haft im Internet verbreiten und die Medien haben sie in die Welt getragen. Darf man da annehmen, dass die Haftbedingungen in Sibirien freiheitlicher sind als in England?

Assanges Haftumstände sind lebensbedrohliche Folterhaft

Gut, Becker wird nicht „harte Arbeit“ leisten müssen, wie der arme Navalny. Der hatte umgehend über körperliche Schmerzen geklagt, wegen der harten Arbeit. Das wäre Becker wohl nicht so schnell passiert, denn er hält sich nach wie vor fit. Navalny hingegen hat im Straflager wahrscheinlich das erste Mal in seinem Leben überhaupt körperliche Arbeit verrichten müssen. Da wird es ein wenig dauern, bis auch sein Körper sich auf das eingestellt hat, was Milliarden Menschen als normalen Tagesablauf an Arbeitsleistung bezeichnen würden. Aber Becker und Navalny haben etwas gemeinsam: Beide sind rechtmäßig verurteilt und werden nicht gefoltert.

Julian Assange hingegen ist nicht verurteilt wegen eines Verbrechens oder Vergehens. Nach seinem Asyl in der Ecuadorianischen Botschaft in London, das er auch schon in jahrelanger Isolation verbringen musste, sitzt er nun in Auslieferungshaft, weil Washington das so will und die britischen Gerichte dem einfach folgen. Er sitzt seit Jahren in Einzelhaft. Es geht im wirklich schlecht und sein vorzeitiger Tod wird zu Recht befürchtet. Ich bin nicht der erste oder einzige, der die Haftumstände für Assange als lebensbedrohliche Folterhaft bezeichnet. Das aber trifft weder auf Becker noch auf Navalny zu. Dennoch werden diese beiden bemitleidet, dass es kaum zu ertragen ist.

Becker und Navalny haben gegen Gesetze verstoßen. Wiederholt und sie wussten es. Das einzige Vergehen von Julian Assange war, dass er seine Pflicht als Journalist getan hat. Er hat also Verbrechen aufgedeckt, Becker und Navalny haben sie begangen. Da muss man sich einfach fragen, was aus dem Rechtsbewusstsein der Medien geworden ist. Ja, eigentlich des gesamten Wertewestens. Während die Freilassung von Navalny von Staaten des Wertewestens gefordert wird und über Becker larmoyant berichtet wird, muss Assange in Einzelhaft dahinvegetieren und niemand sieht einen Anlass, dieses schreiende Unrecht auch nur anzuklagen. Ach ja, das reiht sich ein in die Forderungen, Putin vor ein Tribunal zu stellen, ohne jemals auf eine ähnliche Idee gekommen zu sein, bezüglich diverser US-Präsidenten und ihrer völkerrechtswidrigen Vernichtungskriege. Von den andauernden Drohnenmorden gar nicht zu reden.

Kein Mitleid für Becker und Navalny

Für Becker und Navalny kann ich kein Mitleid empfinden. Beide hatten genügend Warnschüsse gehabt und sie haben sie ignoriert. Assange hingegen hat nicht nur nichts Unrechtes getan, wurde aber mehr oder weniger aus heiterem Himmel aus seinem Leben gerissen. Ja, er hat sich mit den Mächtigen angelegt, aber das sollte die normale Pflicht für jeden anständigen Journalist in demokratischen Staaten sein. Es ist eine unendliche Schande für den gesamten Wertewesten, dass sich niemand von Rang und Namen für ihn und seine sofortige Freilassung einsetzt, inklusive einer gewaltigen Entschädigung. Das, was ihm angetan wurde und immer noch wird, kann sowieso niemals auch nur annähernd angemessen entschädigt werden. Da kann Edward Snowden von Glück reden, dass er im Unrechtsstaat Russland gerade noch rechtzeitig Asyl gefunden hat. Ach ja, der Rechtsstaat Deutschland verweigert ihm das, ebenso wie Assange.

Der Wertekompass des Westens ist restlos kaputt. Der der Regierungen und der der Medien. Da wird zum Beispiel doch tatsächlich darüber diskutiert, es zur Pflicht zu machen, sich Substanzen spritzen zu lassen, die nachgewiesenermaßen schwere Schäden bis zum Tod verursachen können. Ein zu großer Teil der Abgeordneten stimmt dem auch noch zu. Ein korrupter Verbrecherstaat wie die Ukraine wird hofiert und unterstützt und dessen Botschafter darf sich jede Frechheit ungestraft erlauben. Die Kanzlerin lädt die Richter zum Essen ein, die anschließend über sie urteilen sollen. Aber wehe, man fährt etwas zu schnell oder ist mit der Steuer im Verzug. Menschen werden bestraft, weil sie sich Lebensmittel aus Abfalltonnen holen und Gerichte nicken das ab. Und die Medien? Dröhnendes Schweigen.

Der Wertewesten ist am Ende

Es wird zensiert und gelöscht, als ob es keinen Paragraph fünf im Grundgesetz gäbe. „Hassrede“ kann nur von „rechts“ kommen und die Antifanten werden auch noch finanziert, wenn sie offen zu Gewalttaten aufrufen. Elon Musk, der jetzt Twitter zensurfrei machen will, wird offen bedroht. Dazu hat er etwas Kluges gesagt: „Sie verbieten nicht die Hassrede. Sie verbieten die Rede, die sie hassen.“ Der US-Präsident Biden will jetzt ein Wahrheitsministerium einrichten. George Orwell ist aus dem Lehrplan für Gymnasien entfernt worden. In der Ukraine wurde jede Opposition verboten und es gibt nur noch das staatliche Fernsehprogramm. Unsere Politiker werden nicht nach Leistung „erwählt“, sondern nach Genderquoten und Ideologie.

Der Wertewesten ist am Ende. Wir brauchen einen kompletten Neuanfang. In jeder Hinsicht. Gemeinsinn gibt es nicht mehr und jede Sumpfkröte ist wichtiger, als vernünftige Planungen. Aber wir haben ja immer noch die Freiheit, unter 30 verschiedenen Shampoos auszuwählen. Das zählt im besten Deutschland, in dem wir je leben durften. So, wie es offensichtlich wichtiger ist, sich um rechtmäßig verurteilte Straftäter zu kümmern, anstatt die sofortige Freilassung eines aufrechten Journalisten zu fordern. So kann ich nur sagen, dass in unserer Regierung, Parlamenten und Medienanstalten wahrscheinlich Tausende Jahre Gefängnis auf die Akteure warten müssten, wenn wir jemals erleben sollten, dass wir wieder in einem Rechtsstaat leben dürfen. Aber bis dahin zünden wir jeden Abend Kerzen an, für den armen Boris und Herrn Navalny, während Assange still vor sich hin verrotten darf.

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